Der längste Weg zum kürzesten Ziel
Emanuel Rieder und Simon Kainzwaldner haben in Cortina Gold gewonnen. Was dazwischen lag, war alles andere als geradlinig.
Am 11. Februar 2026 überquerten Emanuel Rieder und Simon Kainzwaldner die Ziellinie auf der Pista Olimpica Eugenio Monti in Cortina d'Ampezzo und wussten noch nicht, ob es für Gold reichen würde. Sie mussten warten. Zwei Teams folgten noch. Dann machten Mueller/Haugsjaa aus den USA im zweiten Lauf entscheidende Fehler, und mit 1:45.086 Minuten – 0,068 Sekunden
aus Österreich, 0,090 vor den dreifachen Olympiasiegern Wendl/Arlt aus Deutschland – stand fest: Gold für Italien. Es war das erste olympisches Edelmetall für beide, es war Italiens erster Herrendoppel-Olympiasieg seit Lillehammer 1994, und dies auf einer Heimbahn. Rieder war 32, Kainzwaldner 31.
„Als Sportler ist Olympia das höchste Ziel und der größte Traum", sagt Simon Kainzwaldner. „Wichtig war, überhaupt dabei zu sein bei dieser Heimolympiade. Wir mussten uns qualifizieren, und das war ein spezieller und zäher Weg. Er muss so sein."
Neustart
Seit 2018 fahren Kainzwaldner und Rieder gemeinsam. Rieder war davor als Einsitzer gestartet und nach Peking 2018 den Wechsel zum Doppel unternommen. Kainzwaldner hatte bis dahin einen anderen Partner – bis dieser in der Vorbereitung auf die Saison 2017/18 seine Karriere beenden musste. Der erste Olympiatraum platzte. Dann kam Rieder. Die Zusammenarbeit funktionierte von Anfang an sehr gut. Bereits 2020 holten sie bei der Weltmeisterschaft Silber im Sprint – es war der erste gemeinsame internationale Erfolg. Sie qualifizierten sich für Peking 2022 und fuhren zwei weitere EM-Bronzemedaillen in der Teamstaffel ein, in Sigulda 2023 und Innsbruck 2024. „Für mich persönlich war Peking ein Meilenstein", sagt Kainzwaldner. „2012 hatte ich die Jugend-Olympischen Spiele gewonnen, ich denke mit Freude und Gänsehaut an die Emotionen von damals zurück, und ich dachte mir auch: Wenn es bei einem ,Kindergeburtstag‘ so zugeht, wie gewaltig müssen dann erst die ,richtigen‘ Olympischen Spiele sein?!“
Peking zeigte ihnen, wo sie standen: Platz sechs. „Wir haben gesehen, dass wir gut sind – aber wir haben uns auch schon vor Beginn des Saisonhöhepunkts gesagt, dass es wohl nicht nach ganz vorne reichen wird“, erinnert sich Kainzwaldner. „Mit dieser Gewissheit sind wir ins Rennen gegangen, es hat uns ein wenig gehemmt. Vielleicht wäre mehr drinnen gewesen."
Was danach kam, stellte das gesamte Projekt auf die Probe. Nach Veränderungen im Betreuerteam mussten sich Rieder und Kainzwaldner neu orientieren und vieles neu aufbauen. Zu einem langjährigen Servicemann hatten beide großes Vertrauen entwickelt, entsprechend schwierig war diese Umstellung. „Das war für uns eine Phase, in der vieles neu sortiert werden musste“, sagt Kainzwaldner. „Ich habe ernsthaft daran gedacht, die Karriere 2024 zu beenden.‘ Dann die Entscheidung: alles geben oder aufhören.“
Emanuel Rieder fasst die Gedanken des Duos zusammen: „Es ist einfach darum gegangen, alles zu geben – sollten wir uns qualifizieren, wäre alles gut. Und wenn nicht, dann wollten wir in einer Art und Weise scheitern, in der wir uns keinen Vorwurf machen sollten.“
OlyMission
Was folgte, war ein Projekt, das im Rodelsport vielleicht nicht einzigartig, aber doch eher exklusiv ist. Rieder und Kainzwaldner bauten ein Netzwerk auf, das weit über den Sport hinausging. Die Südtiroler Sporthilfe war mit dem ‚Great Season‘-Projekt dabei, Südtiroler Unternehmer und Partner unterstützten die Mission. ‚Wir haben die OlyMission wie ein Startup präsentiert, unter anderem bei den Tyrolean Business Angels‘, sagt Rieder. „Immer mehr kamen dazu. Sie haben uns jeden Tag gepusht – beim Training und in der Werkstatt.“
Einen Monat vor dem entscheidenden Qualifikationsrennen trug Kainzwaldner einen seiner besten Freunde zu Grabe. „Ich war aufgewühlt, doch wir schafften die Qualifikation. Die Anreise ins Olympische Dorf war für mich der erste Sieg. Jeden Tag habe ich aufgesaugt und genossen."
Papst, Meloni – und dann die Familie
Nach Gold folgten Einladungen bei Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, bei Staatspräsident Mattarella, beim Verteidigungsminister, beim Papst. Es gab Ehrungen und Feiern in – überspitzt formuliert - jedem Dorf Südtirols. „Wenn die Menschen eine Freude haben und dich ehren, ist das schön", sagt Rieder. „Aber es war auch nicht ganz einfach, die vielen Termine haben Zeit mit der Familie gekostet.“ Kainzwaldner sieht das ähnlich. „Es gab viele berührende Einladungen. Aber am liebsten habe ich mit den Menschen gefeiert, die den ganzen Weg kannten – und nicht nur den Augenblick des Medaillengewinns."
Was jetzt kommt
Die Motivation ist bei beiden geblieben. Das Duo arbeitet gezielt am Start. „In der Bahn läuft es nicht schlecht. Der Start ist unsere größte Baustelle – dort liegt das Potenzial", sagt Rieder. Das Saisonziel ist klar: die Weltmeisterschaft in Innsbruck-Igls im Februar 2027. „Dort wollen wir um die Medaillen mitstreiten, aber auch ansonsten im Weltcup konstant vorne mitfahren."
Neben dem Training blieb Zeit für die Familie und für gemeinsame Urlaube, Rieder zog es nach Jesolo und Griechenland. Doch jetzt, wenn die Tage kürzer, die Nächte länger und frischer werden und sich die Gedanken des nächsten Winters in die Gehirngängen festsetzen, geht der Blick weg vom Wasser hin zum Eis. Die Saison 2026/27 werden Rieder/Kainzwaldner sicher bestreiten. „Aber ich will den Sport mehr genießen, konstruktive Inputs suchen, beobachten und wachsen", sagt Kainzwaldner. Das nächste große Ziel steht eigentlich auch schon fest: French Alps 2030 – die Olympischen Winterspiele in vier Jahren. Für diese nächste Mission wollen Rieder und Kainzwaldner ihren Entwicklungsweg konsequent weiterführen. Mit Microgate aus Bozen ist dabei bereits ein neuer Technologiepartner an Bord, mit dem unter anderem die Startbewegung und deren Abläufe noch präziser analysiert werden sollen.
Aber, sagt Kainzwaldner: „Ein Weg ist wie eine Eisbahn. Er hat immer Kurven und Ecken, wer weiß, was er bringt." Cortina war kein Endpunkt. Es war der Auftakt des nächsten Weges.



