Der US-Amerikaner Mark Grimmette weiß genau, was italienische Enttäuschungen bedeuten

Von olympischen Stürzen bis zum Aufbau einer neuen Generation: Die amerikanische Rennrodel-Legende reflektiert über Druck, Erfahrung und den Weg zu den Olympischen Winterspielen 2030

Mark Grimmette, USA Luge

Lake Placid (FIL/02.04.2026) Vor Beginn der olympischen Rodelwettbewerbe machte sich bei den weltbesten Rennrodlerinnen und Rennrodlern wieder die allgemeine Nervosität breit. So auch vor Mailand Cortina 2026. Die brandneue Bahn im Cortina Sliding Centre war vorher noch weitgehend unbekannt, da im Oktober und November 2025 nur wenige Testläufe stattfanden.

Für viele Athleten:innen war die größte Angst nicht die Bahn selbst, sondern die Möglichkeit des Scheiterns, wenn alles auf dem Spiel steht. Kaum jemand versteht dieses Gefühl besser als Mark Grimmette, einer der Pioniere des amerikanischen Rennrodelsports und heute Sportprogrammdirektor bei USA Luge.

Grimmette nahm an fünf Olympischen Winterspielen teil, von Lillehammer 1994 bis Vancouver 2010, und gewann 1998 in Nagano Bronze sowie 2002 in Salt Lake City Silber an der Seite seines langjährigen Doppelpartners Brian Martin. Ihre Medaillen trugen dazu bei, die Vereinigten Staaten als ernstzunehmenden Konkurrenten in einer Sportart zu etablieren, die lange Zeit von europäischen Nationen dominiert wurde. Grimmettes olympische Reise verlief nicht ohne Enttäuschungen – insbesonde in Italien.

Eine schmerzhafte Erinnerung an Turin

Bei den Winterspielen 2006 in Turin gehörten Grimmette und Martin zu den Favoriten im Doppelwettbewerb. Ihre Medaillenhoffnungen endeten abrupt, als sie im ersten Lauf auf der Bahn in Cesana Pariol in Kurve 14 stürzten.

„Das Schwierigste für mich war Cesana bei den Spielen in Turin“, erinnert sich Grimmette. „Es gab eine Kurvenkombination gegen Ende, die sich wie ein Ratespiel anfühlte – ich musste einfach darauf achten, dass ich es richtig hinbekam. Dort schien das Risiko größer zu sein.“

Die Erinnerung ist auch zwei Jahrzehnte später noch präsent. Cesana, sagt er, verlangte Präzision in Abschnitten, in denen selbst erfahrene Rodler sich auf ihren Instinkt verlassen mussten. Es war die Art von Bahn, auf der ein kleiner Fehler schnell zum Rennende führen konnte.

In vielerlei Hinsicht sieht Grimmette Parallelen zur neuen Olympiabahn in Cortina.

Cortina: unberechenbar, aber spannend

Im Gegensatz zu traditionellen Weltcup-Austragungsorten wie Oberhof, wo die Athleten über jahrelange Erfahrung verfügen, bietet die Bahn in Cortina nur begrenzte Vorbereitungszeit. Diese Ungewissheit ebnete den Weg für unerwartete Ergebnisse. Sensationell war, dass die jungen Amerikaner Marcus Mueller und Ansel Haugsjaa nach Olympia-Halbzeit im Cortina Sliding Center mit Bahnrekord führten. Das hat viele Rodelfans überrascht. Schade dann, dass die beiden jungen US-Amerikaner im zweiten Lauf entscheidende Fehler einbauten. Aus war der Traum vom olympischen Edelmetall. Gold sicherten sich ebenso überraschend Emmanuel Rieder und Simon Kainzwaldner. Die beiden Italiener nutzten ihren Heimvorteil mit rund 200 Fahrten mehr im neuen Eiskanal.

Grimmette sieht das optimistisch: „Ich finde, die Bahn ist großartig“, wenngleich ihm das Herz für das junge US-Doppel blutet, so freut er sich doch für die Lokalmatadore. „Rieder/Kainzwaldner und Vötter/Oberhofer bei den Damen, haben die Doppelsitzer Konkurrenzen verdient gewonnen. Sie sind am konstantesten von allen gefahren“, sagte er nach der Beobachtung der Rennläufe. „Auf der neuen Bahn in Cortina gibt viele Höhen- und Neigungswechsel. Man könnte aus einer steilen Kurve in die nächste kommen, und dann wird es sofort flacher. Das verspricht Spaß und anspruchsvolles Rodeln auch für die Zukunft.“ Im Januar 2028 finden die Jugend Olympischen Spiele (YOG) auf der Olympiabahn in Cortina statt.

Während das legendäre deutsche Doppel Tobias Wendl und Tobias Arlt mit inzwischen sieben olympischen Gold- und einer Brozemedaille von 2026 und zehn Weltmeistertiteln weiterhin die Bestenliste anführen , hoffen die Vereinigten Staaten, die Weltbesten in Zukunft herausfordern zu können.

Amerikanische Herausforderer

Das erfahrene Duo Zach Di Gregorio und Sean Hollander gilt als das beständigere  Doppel der USA, nachdem es in der Weltcup-Wertung meist konstant unter den Top Ten landen. Doch es war das junge Duo Marcus Mueller (20) und Ansel Haugsjaa (21), das viele Beobachter beim Testwettkampf überraschte und das dann auch im ersten Lauf bei den Olympischen Winterspielen 2026 die Rodelwelt mit einem Bahnrekord begeisterte. Die beiden jungen US-Amerikaner haben sich als Geheimfavorit für die nächsten Jahre herauskristallisierte.

Für Grimmette ist eine solche Breite ein wichtiges Zeichen für Fortschritt.

„Wir haben drei Doppelmannschaften, die alle sehr gut fahren können“, sagt er. „Diese Breite – mindestens zwei Schlitten pro Disziplin, die auf hohem Niveau performen – macht das gesamte Team stärker.“

Lehren aus dem olympischen Druck

Mark Grimmette, USA Luge; Foto: FIL/Dietmar Reker

Grimmette weiß besser als die meisten, dass olympischer Erfolg oft an kleinsten Details hängt. In Nagano 1998 galten er und Martin weithin als Favoriten auf Gold, mussten sich aber nach einem etwas holprigen ersten Lauf mit Bronze begnügen.

„Die Nerven haben definitiv eine Rolle gespielt“, gibt er zu. „Die letzten drei Kurven liefen nicht flüssig, und wir haben viel Geschwindigkeit eingebüßt. Mit fehlerfreien Läufen hätten wir meiner Meinung nach schneller sein können als die anderen Teams.“

Vier Jahre später in Salt Lake City 2002 kam das Duo erneut quälend nah an olympisches Gold heran, musste sich aber letztendlich auf heimischem Eis mit Silber begnügen.

Diese Erfahrungen prägten Grimmettes Philosophie über den olympischen Wettkampf – und über die Bedeutung der Vorbereitung.

Vom Athleten zum Architekten der Zukunft

Heute verbringt Grimmette den Großteil seiner Zeit abseits des Schlittens. Als Sportprogrammdirektor von USA Luge seit mehr als 15 Jahren betreut er alles von der Förderung von Spitzensportlern bis hin zur Nachwuchsrekrutierung.

„Ich habe einen Überblick über unsere Programme – von Sportlern, die gerade erst in den Sport einsteigen, bis hin zu den Olympischen Spielen“, erklärt er.

Etwa 70 Prozent seiner Arbeit konzentrieren sich auf den Hochleistungssport, wobei er mit dem U.S. Olympic & Paralympic Committee zusammenarbeitet, um Spitzensportler zu unterstützen. Der Rest dient der Sicherstellung eines stetigen Nachschubs an zukünftigen Talenten.

Dieser Nachschub beginnt heute viel früher als zu Grimettes eigenen Zeiten.

Mark Grimmette, USA Luge

„In den Vereinigten Staaten suchen wir Kinder im Alter von neun bis zwölf Jahren, die Smart Luge ausprobieren“, sagt er. „Erfahrung ist in diesem Sport alles. Je mehr Bahnen man befährt und je mehr Situationen man erlebt, desto besser wird man.“

Ironischerweise entdeckte Grimmette den Sport selbst durch Zufall. Er wuchs in Muskegon, Michigan, auf und ging einmal über die Straße, um zu sehen, wie Bulldozer seinen Lieblingsschlittenhügel abtrugen. Arbeiter erklärten ihm, dass sie eine Rodelbahn bauten – und suchten nach Freiwilligen, die helfen wollten. „Ich habe geholfen, ein paar Nägel einzuschlagen“, lacht er. „Als sie fertig war, habe ich sie ausprobiert und mich in den Sport verliebt.“

Bereit für einen historischen Moment

Mark Grimmette ist sicher, dass das aktuelle US-Team das stärkste in der Geschichte des Landes ist. „Dieses Olympia-Team 2026 war besser vorbereitet als jedes andere Olympia-Team, das wir bisher hatten“, sagt er. „Wir haben viele Athleten, die bei Weltcup-Wettbewerben Medaillen gewinnen, und eine große Tiefe in allen Disziplinen.“

Die Rückkehr Grimmettes nach Italien hat unweigerlich Erinnerungen an den Sturz in Turin wachrufen. Doch inzwischen kommt Grimmette nicht als Medaillenjäger, sondern als Mentor, der die nächste Generation anleitet. Und er arbeitet, mit dem ganzen Team, hart daran, dass ein US-amerikanischer Rodler oder eine Rodlerin die erste olympische Goldmedaille des Landes im Rennrodeln gewinnen, wäre dies ein Moment, auf den man seit Jahrzehnten hingearbeitet hat.

„Wir haben eine wirklich starke Gruppe“, sagt Grimmette. „In Mailand Cortina hat Ashley eine Bronzemedaille im Damen Einzel gewonnen, aber es war mehr möglich und daher freue mich sehr auf diese Olympischen Winterspiele in den Französischen Alpen 2030 und danach zu Hause in den USA mit Utah 2034. Alles ist möglich für unser starkes Team.“

Fotos: USA Luge/Nancie Battaglia 2009, FIL/Dietmar Reker und FIL/Mareks Galinovskis

Erlebt den Olympischen Triumph von Grimmette/Martin in 2002 im Team USA Video: ​https://www.facebook.com/watch/?v=10153392972502686