Ein geheimnisvoller Geburtstag in Südtirol

Walter Plaikner, Italiens weltbekannte Rodel-Legende, wollte seinen 75. Geburtstag eigentlich nur im Kreis der Familie feiern. Doch es kam ganz anders.

Von Klaus Angermann, ehemaliger ZDF-Kultreporter, verfolgte seit 1964 das Rodeln und war bei zwölf Olympischen Winterspielen dabei.

Italiens gesamtes Rodel-„Who is who” erschien zu seinem Jubiläum. „Slittinisti“ aus sieben Jahrzehnten: Olympiasieger, Weltmeister, Europameister und viele andere Protagonisten erwiesen dem total Überraschten die Ehre und feierten die Ikone in seinem Heimatort Kiens im Pustertal.

Maria-Luise Rainer, die nach wie vor ideenreiche, quirlige ehemalige FIL-Sportdirektorin, hatte die Idee gehabt, ihrem Landsmann und Vorbild dieses unerwartete Geschenk zu machen. „Sensationell, dass so viele kamen, Walter strahlte wie früher, wenn er mit Paul Hildgartner oder seinen Aktiven eine Medaille gewonnen hatte”, war ihr Fazit. Aber noch nie habe sie ihn „so emotional gesehen, dass er ein paar Tränen verdrücken musste”.

Es war ein besonderes, mit Medaillen behangenes und in der Rodel-Historie wohl einmaliges 50-köpfiges Ehren-Spalier, das da einem Nestor der Zunft huldigte. Es gratulierten die Olympiasiegerin von Lillehammer 1994 Gerda Weißensteiner, das vierblättrige Kufen-Medaillen-Kleeblatt der Huber-Brüder mit Norbert, Wilfried und Arnold, das Bronze-Doppel von Turin Gerhard Plankensteiner/Oswald Haselrieder – und natürlich der erfolgreichste Rodel-Olympionike aller Zeiten, Armin Zöggeler: Gold, Silber, Bronze bei sechs Olympischen Spielen. Und noch viele andere Protagonisten des von Südtirol getragenen italienischen Rodelsports waren mi5t dabei.

Dass mit Paul Hildgartner (74) auch Plaikners Doppel-Partner erschien, war eine Selbstverständlichkeit – so, wie sie allwöchentlich auch gemeinsam dem uralten Kartenspiel „Watten” frönen. Da spielen sie darum, um folgende Frage zu beantworten: Wer zahlt heute die Zeche?

Stolz war das Geburtstagskind auch darüber, dass ihm die jungen Rodelhelden Südtirols die Referenz erwiesen: die zwei Gold-Doppel von Cortina Marion Oberhofer/Andrea Vötter und Emanuel Rieder/Simon Katzenwalder sowie der bronzene Dominik Fischnaller aus der Pustertaler Rodelhochburg Meransen.

Schließlich strahlte Plaikner darüber, dass sogar Liechtensteins Altmeister Wolfgang Schädler (68) ihn umarmte – der dreimalige Olympiateilnehmer für das kleine Fürstentum und danach Trainer-Globetrotter.

Organisatorin Maria-Luise Rainer hatte als 16-Jährige, zweitjüngste Teilnehmerin der Winterspiele 1976 in Innsbruck, ihren olympischen Einstand gefeiert – während Walter Plaikner sich damals als aktiver Rodler verabschiedete.

1971, Europameister

Seine war die Karriere eines reinen Doppelsitzer-Spezialisten, der sich mit seinem Piloten und Freund Paul Hildgartner in allen Goldenen Büchern des Rodelsports eingetragen hat. Blutjung war das Gespann aus Kiens – 19 Jahre Plaikner, gerade erst 18 Pilot Hildgartner – als sie im Januar 1971 im kniffligen Eiskanal von Imst Europameister wurden und zwei Wochen später auf der idyllischen Heimbahn von Olang sogar bei der Weltmeisterschaft triumphierten. Wie auch Karl Brunner auf dem Einsitzer und Erika Lechner, die mit einer WM-Silbermedaille ihr olympisches Gold von 1968 in Grenoble bestätigte.

Die DDR, die damals auch den Kufensport diktierte, erlitt in Olang eine ihrer empfindlichsten Niederlagen und musste sich mit einer einzigen Medaille begnügen: Bronze durch das Doppel Horst Hörnlein/Reinhard Bredow.

1972, Olympiasieger

Ein Jahr später, 1972 bei den Olympischen Spielen in Sapporo, ereignete sich dann für den Rodelsport Historisches: Im Doppel gab es zwei Olympiasieger. Ein goldenes Wiedersehen von Paul Hildgartner und Walter Plaikner – und Hörnlein/Bredow. Beide Kontrahenten hatten nach zwei Durchgängen dieselbe Zeit erzielt, auf das Hundertstel genau, und FIL und IOC entschieden salomonisch gerecht auf zwei Olympiasieger. Es ging – wie alte Fotodokumente zeigen – auf dem Podest damals sehr eng zu.

Diese sporthistorische Entscheidung von 1972 wiederholte sich nie wieder, denn der Weltverband entschied danach, fortan die Tausendstelsekunden-Differenz in die Wertung einzubeziehen. Auch 55 Jahre danach ist es noch so.

Schlittenbauer und Tüftler

Doch zurück zu Walter Plaikner. Nach seinem Rücktritt als Aktiver erwarb er sich mehr als 40 Jahre lang Verdienste und Ansehen als Trainer und Schlittenbauer – ewiger Tüftler. Fast 30 davon in unterschiedlichen Perioden für Italien, sechs Jahre für Japan, vier für die USA und ebenso für Russland. Das Kapitel Sotschi nahm ein brüskes und unerfreuliches Ende – trotz zweier Silbermedaillen.

Parallel zu seinen Trainerverpflichtungen diente Walter Plaikner der FIL intensiv auch als Funktionär. Er steht in den Annalen des Weltverbandes als Materialexperte – mitverantwortlich für die Entwicklung von Sturzhelmen, Schuhen und zahlreichen anderen Details. Viele Jahre stand der Name Plaikner für den Vorsitz der Technischen Kommission, nicht immer unumstritten – vor allem dann, wenn er Tricksereien entdeckte.

In das Boot der FIL hatte ihn einst Bert Isatitsch gehoben, der weitblickende, leidenschaftliche Pionier aus Österreich und 1957 der erste FIL-Präsident. In das Boot als Trainer der Azzurri hatte ihn nach 1976 Brigitte Fink (1940–2024) geholt, die dynamische, großzügige Förderin, aber auch energische Chefin der Rodler Italiens. „Plawi”, sagte sie – ihr Spitzname für Plaikner –, „wenn du etwas brauchst, bekommst du es.” Dank dieses Versprechens schuf Plaikner eine Ära des Erfolges, bis hin zu Armin Zöggeler.

Und noch einmal holten ihn Organisatoren in ihr Boot: jene von Cortina 2026. Walter Plaikner als Mitgestalter der Pista Olimpica Eugenio Monti – vor allem für eine sichere Fahrlinie in den Kurven. Nur bei einer der 16 konnte er nicht mitwirken: Es war die curva quattro, die seine Handschrift nicht trägt. Sie wurde zur Problemkurve.

All das und viele Anekdoten waren Gesprächsthemen bei Walter Plaikners 75. Geburtstagsfeier, die bis fast Mitternacht dauerte. Ehefrau Christa, die fünf Kinder und zahlreiche Enkel hörten sie mit Stolz – denn sie, die Familie, hatte die Leidenschaft des Ehemanns und Vaters über all die Jahre mitgetragen.

Schafe, Hennen, Bienen

Walter Plaikner hat „die Rodel” nun in die Ecke gestellt. Nach dem Schafzüchten hält der Senior jetzt Legehennen und hegt Bienenstöcke – „für den Honig des Lebens”.

Für den künftigen Durst haben die Geburtstagsgäste vorgesorgt: ihr Geschenk war eine uralte Pustertaler Schubkarre, gefüllt – seinem Alter entsprechend – mit 75 internationalen Biersorten. „Um die alle zu trinken, muss ich ja noch ein paar Jährchen dranhängen”, schmunzelte der allzeit Bescheidene und Genügsame.

Mögen dies noch viele Jahre sein – in Gesundheit und Zufriedenheit. Das wünscht an dieser Stelle auch herzlich die große FIL-Familie ihrem so verdienten Funktionär Walter Plaikner, dessen Geburtstagsfeier bis zum 24. Oktober das bestgehütete Geheimnis der Südtiroler Rodler gewesen war.