Jonas Müller und sein zweiter Anlauf

Auf dem Weg zu den Olympischen Winterspielen Mailand Cortina 2026

Jonas Müller, Oberhof 2026

Berchtesgaden (FIL/26.01.2026) Erfolgreich Rodeln ist nicht nur eine Frage des Fahrgefühls, des Mutes und des Materials. Entscheidend ist auch, was sich der Pilot zutraut. Kleinste Zweifel können große Auswirkungen haben. Insofern hatte Jonas Müller zu Beginn des olympischen Jahres ein entscheidendes Erlebnis. Nach dem Weltcuprennen in Sigulda, das der Österreicher als Zweiter hinter Felix Loch beendet hatte, sagte er erleichtert: „Endlich habe ich es geschafft, im Rennen nicht bloß einen, sondern zwei gute Läufe runterzubringen“

Sein großes Talent hat der 28-Jährige immer wieder aufblitzen lassen. 2019 etwa, als er in Winterberg Sprint-Weltmeister geworden war. Aber dieses Rennen ging auch nur über einen Lauf. Im Vorfeld der Olympischen Spiele 2022 in Peking wurde ihm seine mangelnde Konstanz zum Verhängnis. Im starken österreichischen Team belegte Müller nur Platz vier. Wolfgang Kindl, der später die Silbermedaille gewinnen konnte, sowie die Brüder David und Nico Gleirscher waren konstanter. Und qualifizierten sich für die Spiele. „Das war mein Tiefpunkt bisher“, erinnert sich Müller. Kurz hatte er sogar daran gedacht, seine Karriere zu beenden. Doch er entschied sich für Weitermachen. „Ich hatte ja schon 17 Jahre in den Sport investiert und dachte, es wäre schade, wenn ich einfach so aufhöre.“

Jonas Müller, Winterberg 2026

In der Folge hängte sich der 1,87 Meter große Modellathlet im Krafttraining noch mehr rein und wurde noch stärker. „2022 war ich derjenige, der zuhause bleiben musste“, sagte er vor dem Saisonstart zu seinen Zielen, „in diesem Jahr versuche ich vorne dabei zu sein.“ Wobei sein intensiveres Streben schon 2023 Früchte trug, als er in Oberhof Weltmeister im Einzel wurde. Und danach klappte es auch mit Erfolgen im Weltcup. Sieben Siege hat er mittlerweile eingefahren.

Dass Jonas Müller und sein ein Jahr jüngerer Bruder Yannick, der mit Armin Frauscher Doppel fährt, beim Rodeln gelandet sind, war keine Selbstverständlichkeit. Denn die Familie von Vater Bernd spielt leidenschaftlich Tennis. Müller Senior wurde 2024 sogar noch Deutscher Meister im Herren-65-Team von Tennis Westerbach Eschborn.

Bernd Müller erntet Meisterehren in Deutschland, Sohn Jonas rodelt für Österreich. Wie passt das zusammen? Ganz einfach. Bernd Müller war mit seiner Frau Andrea vor mehr als drei Jahrzehnten nach Bludenz gezogen, hatte im Landeskrankenhaus eine Stelle als Anästhesist angetreten. Dort sind auch die Kinder Alina, Marvin, Jonas und Yannick geboren. „Die Chance, für Deutschland zu starten, gab es nie wirklich“, sagt Jonas Müller, „ich bin in Vorarlberg geboren und aufgewachsen.“ Und so ist die Familie Müller eine deutsch-österreichische. Die Eltern, Schwester Alina und Bruder Marvin besitzen weiterhin die deutsche Staatsbürgerschaft, Jonas und Yannick Müller haben einen österreichischen Pass.

Jonas Müller, Eröffnung Bludenz Eiskanal, kristen-images

Zum Rodeln gekommen waren die Müller-Brüder über eine Nachbarin – Andrea Tagwerker. Die hatte 1994 bei den Olympischen Spielen in Lillehammer Bronze gewonnen. „Rodeln ist in Bludenz groß“, berichtet Müller, „ich bin dann mal ins Training.“ Und dabeigeblieben. Schon im darauffolgenden Jahr fuhr er das erste Mal durch den Olympia-Eiskanal in Innsbruck-Igls. Längst hat das Rodelvirus die komplette Familie Müller infiziert. Bernd und Andrea Müller engagieren sich im heimischen Bludenz, zum Beispiel, wenn es gilt, die dortige Bahn zu Winterbeginn zu vereisen oder bei Rennen als Arzt zur Verfügung zu stehen.

Ganz sicher wird Familie Müller auch vor Ort in Cortina d’Ampezzo sein, wenn es um die Medaillen geht. „Wenn man meine Entwicklung der vergangenen Jahre anschaut“, sagt Jonas Müller, „dann muss ganz klar eine Medaille das Ziel sein.“ Zumal der starke Starter („Wir trainieren den ganzen Sommer nur für die ersten fünf Sekunden.“) nach anfänglichen Schwierigkeiten mit der neuen Bahn, bei der Müller die Druckkurven vermisst, mittlerweile die richtige Linie gefunden hat. „Ich habe zu viel gelenkt“, erzählt er, „als ich irgendwann den Schlitten frei laufen lassen konnte, war ich schnell.“ Und dieses Gefühl hat sich im Kopf festgesetzt.