Julia Taubitz, OWG MiCo26

Julia Taubitz: Was kommt, wenn das Ziel erreicht ist?

Es gibt einen Satz, den man von Olympiasiegerinnen, nun ja: nicht oft in dieser Klarheit hört. "Meine Karriere ist komplett", sagt Julia Taubitz. "WM-Titel, Gesamtweltcup, Olympiagold – das waren meine drei großen Ziele, und rein sportlich habe ich erreicht, was ich erreichen wollte. Das gibt mir einen absoluten inneren Frieden."

Es ist der Satz einer Frau, die weder sich selbst noch anderen etwas beweisen muss. Und genau das macht die kommende Saison zu einer der interessantesten ihrer Karriere – nicht, weil sie eben doch noch etwas hinterher jagen muss, unter allen Umständen, sondern weil sie zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren ohne ein übergeordnetes Ziel rodeln kann.

Vier Jahre für einen Moment

Um zu verstehen, was das bedeutet, muss man (zumindest) vier Jahre zurückgehen. Peking 2022 war eine Bruchlandung – das genaue Gegenteil dessen, was eine Olympiade später folgen würde. "Ich habe mich nach der Enttäuschung von Peking ganz auf Cortina vorbereitet", sagt Taubitz. "Vier Jahre Training für genau dieses eine Ziel. Alles, was ich auf dem Weg dorthin gewonnen habe, diente nur dem Umstand, mich auf die Olympischen Winterspiele 2026 vorzubereiten." Einzel-Weltcupsiege, EM- und WM-Goldmedaillen, Gesamt-Weltcupsiege Saison nach Saison – alles willkommene Nebeneffekte.

Es war eine Vorbereitung, die weit über die Bahn hinausging. Seit Mai 2022 arbeitete sie systematisch mit einem Mentaltrainer zusammen. "Ich bin eigentlich wettkampfstark, und vor den Spielen in China hatte ich eher die Befürchtung, dass zu vieles 'zerdacht' werden könnte. Nach Peking habe ich gemerkt, dass ich mich auch darum kümmern muss." Sie beschreibt diese Jahre cineastisch: "Ich war quasi in meinem eigenen Film."

Das Drehbuch endet – was kommt danach?

Am Tag, als die Olympischen Rodel-Wettbewerbe beendet und Taubitz' Film mit zwei Goldmedaillen im Kasten war, beginnt die eigentliche Geschichte. Ein Film, der ein klares Ende hatte, ist zu Ende gedreht. Und niemand hat ihr gesagt, was danach passiert.

"Mental war ich nach Cortina überfordert", sagt sie offen. "Mein Alltag ist jetzt anders als in den letzten 15 Jahren. Es ist nicht mehr das ewige 'und immer grüßt das Murmeltier', viel mehr bin ich zu oft woanders. So viel wird gefragt, so viele wollen etwas von einem – und man selbst hat noch gar nicht richtig verarbeitet, was da überhaupt passiert ist. Deswegen ist es wichtig, in dieser Post-Olympic-Depression wieder die Balance zu finden."

Der Kalender, der einst von Trainingsplänen bestimmt war, ist jetzt voller zusätzlicher Termine. Offizielle Ehrungen, die Wahl zur Sächsischen Sportlerin des Jahres 2025, das Silberne Lorbeerblatt, das ihr am 22. Juni in Berlin verliehen wurde, Medienanfragen, Talkrunden, Firmenevents, Autogrammstunden – rund 30 Veranstaltungen allein zwischen März und Mai. Eine der wichtigsten kam im Juni dazu: die Ehrenbürgerwürde ihrer Heimatstadt Annaberg-Buchholz, als jüngste Trägerin in der fast 190-jährigen Stadtgeschichte und als erste Frau überhaupt. "Das wusste ich vorher gar nicht. Das ehrt mich sehr."

"Es gibt Wochen, in denen gar nichts ist, und dann gibt es Tage mit drei Terminen hintereinander", beschreibt Julia Taubitz den Rhythmus. "Daraus hat sich auch ein gesunder Zwiespalt entwickelt, manchmal muss ich Veranstaltungen absagen, um Zeit für mich und für den Sport zu haben." Und doch, fügt sie dankbar hinzu: "Die Aufmerksamkeit entschädigt für die Arbeit, die man das ganze Jahr über investiert."

Eine Saison ohne Drehbuch

Obwohl die großen Ziele erreicht sind, ist das Feuer für den Sport nicht erloschen. Nach den goldenen Olympischen Momenten gewann Taubitz zum fünften Mal in Folge den Gesamt-Weltcup, ausgerechnet in Altenberg – ausgerechnet dort, wo sie einst das Rodeln gelernt hat. "Kann es noch schöner werden?", fragt sie sich selbst. "Soll ich es gut sein lassen?" Und beantwortete sich sofort ihre Fragen: "Noch ist es nicht an der Zeit, den Schlitten an den Nagel zu hängen."

Was also ist der Plan, wenn es keinen großen Plan mehr gibt? "Ich will jetzt erst einmal alles genießen", sagt sie. "Vielleicht wird es die Abschiedstour 2026/27. Aber ich bin nicht fertig – ich kann nicht sagen, ob es noch ein, zwei oder vier Jahre werden." Ob sie 2030 in La Plagne dabei sein wird, lässt Taubitz bewusst offen. Es ist eine ungewohnte Position für eine Athletin, die ihre gesamte Karriere lang auf ein Ziel zugesteuert ist – plötzlich lediglich zu fahren, einfach weil es ihr noch Freude macht.

Auch abseits der Bahn beginnt ihr Leben immer mehr Gestalt anzunehmen. Taubitz studiert Sport Business Management mit Schwerpunkt Kommunikation. "Ich möchte im Sport bleiben, operativ arbeiten, an der Schnittstelle zwischen Athleten, Sponsoren, Stakeholdern, Kommunikation tätig sein."

Bis November will die offizielle Botschafterin des Erzgebirges vor allem eines: zurück in einen Rhythmus finden, der sich normal anfühlt. In zwei Wochen beginnt der erste Starttrainingslehrgang. Im Juli folgt ein zweieinhalbwöchiger Urlaub in Panama, danach soll sich die Routine aus Training und Studentinnenalltag einspielen.

Was die Zukunft wirklich bringt, weiß vielleicht nicht einmal Julia Taubitz selbst. Und falls doch, behält sie es vorerst für sich. Aber eines wird ersichtlich: Mag dieses Drehbuch geschrieben und dieser Film abgedreht sein – Taubitz ist genau jene Art von Persönlichkeit, die längst an einer Fortsetzung arbeitet.

Wir dürfen gespannt sein.

Julia Taubitz Ehrenbürgerin