Rodeln Down Under – ein Sport kennt keine Jahreszeiten
Eine Frage zum Einstieg: Wer gewann das allererste internationale Rodelrennen der Geschichte? Die Antwort dürfte überraschen.
Februar 1883. Einundzwanzig Athletinnen und Athleten aus sechs Nationen – darunter die Vereinigten Staaten – standen in den Schweizer Alpen am Start eines vier Kilometer langen Rennens von St. Wolfgang nach Klosters, ausgerichtet von den Hotels in Davos. Der Sieger, der die Ziellinie in exakt neun Minuten und fünfzehn Sekunden überquerte, hieß Georg Robertson, ein Student aus Australien. Ex aequo mit ihm erreichte der "local" Peter Minsch Platz eins. Aber: Einhundertzweiundvierzig Jahre bevor jemand den Namen Alex Ferlazzo kannte, stand ein Australier an der Spitze der Rodelwelt.
Ein Land ohne eine einzige Bahn
Australien hatte noch nie eine Rodelbahn. Nicht eine. Wer dort rodeln will, beginnt nicht auf Eis, sondern auf Asphalt – auf Rollschlitten, auf gesperrten Straßen, weit weg von allem, was auch nur entfernt nach Wintersport aussieht. Es ist ein unwahrscheinlicher Weg zu den Olympischen Spielen. Und dennoch hat er funktioniert.
Diane Ogle war 1992 in Albertville die erste Australierin bei Olympia im Rodeln. Roger White folgte 1994 in Lillehammer als erster australischer Mann. Hannah Campbell-Pegg – heute Präsidentin von Luge Australia – stand 2006 in Turin und 2010 in Vancouver auf der Startliste.
Und dann kam Townsville.
Alex Ferlazzo ist in einer Stadt im Norden Queenslands aufgewachsen, wo die Temperaturen kaum unter 20 Grad fallen. Schnee kannte er als Kind nicht, eine Rodelbahn erst recht nicht. Und doch wurde er zu einem der bemerkenswertesten Wintersportler, die Australien je hervorgebracht hat. 2012 debütierte er bei den Olympischen Jugendspielen in Innsbruck, 2014 stand er mit neunzehn Jahren zum ersten Mal bei Olympia in Sotschi am Start. Es folgten Pyeongchang 2018, Peking 2022 – damit wurde er Australiens erster dreifacher Winter-Olympionike im Rodeln – und schließlich eine vierte Olympiade in Milano-Cortina 2026. Vier Spiele. Aus Queensland.
Bemerkenswert: Zum ersten Mal auf Eis stand Ferlazzo nicht in Australien, sondern 2010 auf der anderen Seite der Tasmanischen See – in Neuseeland. Dieses Detail sagt vieles darüber, wie Rodeln auf der Südhalbkugel wirklich funktioniert. Und über den Mann, ohne den es das nicht gäbe.
Alex Ferlazzo bei den Olympischen Winterspielen in Peking 2022
Ein Mann, ein Curlingfreund und 100.000 Euro
Geoff Balme entdeckte das Rodeln in den 1980er Jahren in Calgary, als er und zwei neuseeländische Freunde beschlossen, bei den Olympischen Winterspielen 1988 anzutreten. Daraus wurde nichts. Aber der Sport ließ ihn nicht los. Als Balme 1989 nach Neuseeland zurückkehrte, brachte er Rollschlitten im Gepäck mit. Mehrere Jahre lang betrieb er ein Programm auf Rädern, das Athletinnen und Athleten auf die internationale Bühne brachte – darunter Angela Paul, die 1998 in Nagano und 2002 in Salt Lake City bei Olympia startete.
Irgendwann erkannte Balme: Räder führen nur bedingt weit. Auf einem Rollschlitten eine Straße hinunterzufahren, sagt er, ist wie Fahrradfahren in einer Turnhalle – man lernt die Grundlagen, aber zum Rennfahrer wird man so nicht. Ein zufälliges Gespräch mit einem Curlingfreund aus dem tiefen Süden Neuseelands öffnete eine neue Tür. „Du solltest irgendwann mal nach Naseby kommen", sagte der Freund. Das war 2003.
Es dauerte fünf Jahre. Zwischen 2003 und 2008 sammelte Balme rund 100.000 Euro – dazu Sachleistungen und unzählige Freiwilligenstunden –, um eine Rodelbahn in Naseby zu bauen: ein Dorf mit weniger als 200 Einwohnern in Central Otago, 600 Meter über dem Meeresspiegel, auf halbem Weg zwischen Dunedin und Queenstown. Der Bahnexperte Josef Ploner kam aus Italien, um beim Bau zu helfen. Europäische Trainerinnen und Trainer folgten – Alpinrodel-Weltmeister wie Patrick Pigneter, Alex Gruber und Greta Pinggera, dazu die Olympioniken Guntis Rekis und Veronika Halder – finanziert von der FIL, die die Flugtickets übernahm.
Am 12. Juli 2008 wurde die Naseby Luge Track eröffnet: 360 Meter lang, zehn Kurven, Kühlsystem. Es ist die erste und bis heute einzige Rodelbahn der Südhalbkugel. Für Balme, heute 68, ist sie sein „zweiter Lebensmittelpunkt" geworden – und wenn er dorthin will, dann ist dies eine ganztägige Reise von seiner Heimat an der Nordküste der Nordinsel.
Eine Bahn aus Eis, Curling und Gemeinschaft
Die Ergebnisse sprechen für sich. Seit 2010 haben fünfzehn neuseeländische Athletinnen und Athleten international im Alpinrodeln und im Kunstbahnrodeln Wettkämpfe auf höchstem Niveau bestritten. Jack Leslie wurde 2015/16 Alpinrodel-Junioren-Weltcupsieger. Vier nahmen an Olympischen Jugendspielen teil: Matheson Hill in Innsbruck 2012, Ella Cox und Hunter Burke in Lausanne 2020, Maggie Dowling in Pyeongchang 2024.
Aber die Bahn lebt nicht nur vom Leistungssport. Die Einnahmen, die den Betrieb sichern, kommen aus dem Publikumsbetrieb – Familien, Schulferiencamp, neugierige Besucherinnen und Besucher, die wissen wollen, wie es sich anfühlt, mit 45 km/h eine Eispiste hinunterzusausen.
Dieser Winter 2026 ist allerdings anders. Zum ersten Mal blieb die Bahn geschlossen – wegen eines Kommunikationsproblems zwischen der Betreiberorganisation und den Freiwilligen, ohne die der Betrieb nicht läuft. „Das ist sehr enttäuschend", sagt Balme. „Wir versuchen zu verstehen, was passiert ist, und hoffen, es nächsten Winter besser zu machen."
Dazu kommt: Die Saison in Naseby wird kürzer. Verlässliche Kälteperioden sind keine Selbstverständlichkeit mehr. Genau deshalb könnte das nächste Kapitel des Rodelns in Neuseeland nicht auf 600 Metern geschrieben werden – sondern auf 1.800.
Das nächste Kapitel: Höher, länger, breiter
Mit einem Skigebiet in Neuseeland laufen bereits Gespräche über einen Rodelpark auf 1.800 Metern Höhe. Die Idee ist einfach: ein Hang, ein paar Schlitten, Gäste, die zum Skifahren kommen und fürs Rodeln bleiben. Längere Saison, höhere Lage, ein Sport für alle, die ein Skiticket kaufen.
Auch in Australien laufen ähnliche Gespräche. Es gibt keine Rodelbahn und kein flächendeckendes Nachwuchsprogramm – aber das Konzept des Alpinrodelns bietet etwas, das Rollschlitten auf Asphalt nie bieten konnten: einen sichtbaren, dauerhaften Einstiegspunkt für eine neue Generation. „In Australien sind wir bestrebt, Alpinrodeln in einem der Skigebiete zu etablieren", bestätigt FIL-Vizepräsident Ozeanien Geoff Balme.
Argentinien kennt das Prinzip schon lange – lange bevor die FIL das Alpinrodeln formalisierte. Rubén Gonzales, der Argentinien bei vier Olympischen Spielen über vier Jahrzehnte vertrat (1988, 1992, 2002, 2010), und Veronika Ravena (Pyeongchang 2018, Peking 2022, Milano-Cortina 2026), die den Großteil ihres Lebens in Whistler verbracht hat, haben beide ein weitgehend in der Diaspora verankertes Programm am Leben erhalten. Gelegentlich wurden Schlitten auf argentinische Skihänge mitgenommen. Das Potenzial ist da. Die Infrastruktur noch nicht.
Ein Namenswechsel, eine Südseeinsel und der olympische Traum
Die unwahrscheinlichste Rodelgeschichte der Südhalbkugel gehört Tonga. Fuahea Semi hörte eine Radiowerbung über Vorauswahlen für die Olympischen Winterspiele, entschloss sich, sich anzumelden und änderte am Ende gar seinen Namen in Bruno Banani, passend zum deutschen Wäschesponsor, der seine Karriere finanzierte. Nach einem 28. Platz in Park City, Utah, qualifizierte er sich für Sotschi 2014 und wurde Tongas erster Winter-Olympionike überhaupt. Sein Weg wurde in dem Dokumentarfilm „Being Bruno Banani – The Flying Coconut" festgehalten. Er gilt als der erste Athlet, der in der Geschichte der Olympischen Spiele als „lebende Marke" fungierte.
Die noch offene Frage
Chile. Uruguay. Südafrika. Länder mit Bergen, mit Winter, mit Skigebieten, die nach neuen Attraktionen suchen. Länder, in denen sich bisher – wie Balme es sagt – niemand gemeldet hat. Dabei ist die Logik eindeutig: Skigebietsbetreiber suchen immer nach Angeboten, die mehr Gäste bringen. Ein Rodelpark liefert genau das. Die Alpinrodel-Arbeitsgruppe der FIL entwickelt derzeit die Unterlagen, um diesen "Business Case" sichtbar zu machen – ein ein- bis zweiseitiges Dokument für Skigebietsbetreiber und ein „Playbook", das zeigt, was Alpinrodeln braucht und was es bringen kann.
Das Modell existiert. Es funktioniert in Mitteleuropa. Es beginnt, in Neuseeland und Australien zu funktionieren. Für die Südhalbkugel ist die Frage nicht, ob es funktionieren kann – sondern wie schnell aus Gesprächen Baupläne werden.
Georg Robertson gewann 1883 das erste Rodelrennen. Einhundertzweiundvierzig Jahre später findet der Sport noch immer neue Wege, um neue Teile der Welt zu erreichen. Sogar die tropischen.



