Vom Weinberg in den Eiskanal

Die Rodelgeschichte von Stephan Doktor

Stephan Doktor

Oberhof (FIL/19.01.2026) Eigentlich könnte Stephan Doktor sich sein Leben gemütlich einrichten. Der 53-Jährige ist stolzer Vater von drei Kindern. Beruflich leitet er seit 2008 das traditionsreiche Weingut Schloss Johannisberg bei Rüdesheim im Rheingau. Doch Doktor fehlt irgendetwas. Nervenkitzel. Deshalb hat er im Alter von 42  Jahren seine Jugendliebe Rodeln wieder für sich entdeckt.

Wenn der Weltcupzirkus in Winterberg oder Oberhof Station macht, dann ist auch Stephan Doktor am Start. Zunächst einmal im Nationencup. Dort müssen alle Rodler antreten, die nicht zur Gruppe der zwölf weltbesten Athleten zählen. Die sind für den Start im Weltcup gesetzt. Für Doktor war bislang am Freitag immer Schluss für den schnellen Winzer. Was auch nicht sonderlich überrascht, betreiben seine Konkurrenten das Rennrodeln unter professionellen Bedingungen. 

„Natürlich komme ich nicht auf die Anzahl an Trainingsfahrten wie meine Mitstreiter“, sagt er. Doch auch sein Pensum ist für einen Hobbyrennfahrer enorm. „Wenn alles gut läuft, fahre ich ein- bis zweimal in der Woche zum Training.“ Dazu muss er erst einmal 200 Kilometer weit fahren, entweder nach Winterberg oder nach Oberhof. Ansonsten hält er sich mit regelmäßigem Schwimmen, Radfahren, Laufen und Krafttraining fit. „Manche halten mich für verrückt“, sagt er und ergänzt mit einem Lächeln: „Vielleicht bin ich tatsächlich auch verrückt.“

Mit dem sportlichen Schlittenfahren begonnen hatte Doktor als Zwölfjähriger in seiner slowakischen Heimat in der Hohen Tatra. Als er sich 1994 zum zweiten Male nicht für die Olympischen Spiele qualifizieren konnte, stellte er seinen Schlitten in die Ecke. Nach 20 Jahren, mittlerweile nach Deutschland übergesiedelt, holte er sein altes Sportgerät wieder hervor und begann bei Seniorenrennen zu starten. „Das hat mir wieder richtig Spaß gemacht“, erzählt Doktor, „auch weil ich immer wieder Rennen gewonnen habe.“ Von den Erfolgen beschwingt, beschloss er, wieder international starten zu wollen. Weil er neben der deutschen noch seine slowakische Nationalität behalten hatte, erbat er beim slowakischen Verband um eine Starterlaubnis. Die hat er umgehend erhalten.

Stephan Doktor

Vielleicht braucht Stephan Doktor diese verrückten Ausflüge in die schnelle Rodelwelt als Ausgleich zu seinem herausfordernden Job als Leiter des Weinguts Schloss Johannisberg. Auf dem 50 Hektar großen Weinberg wird seit 1720 ausschließlich Riesling angebaut. 1816 schenkte Kaiser Franz I. von Österreich dieses Weingut seinem Außenminister Fürst von Metternich. Damit erkannte er dessen Leistungen beim Wiener Kongress an. Seitdem lautet der Anspruch, dem sich auch Doktor, der an der Weinakademie Österreich studiert hat, verpflichtet fühlt: „Mit Leidenschaft den besten Riesling erzeugen und Menschen begeistern.“ 

Mit Leidenschaft fährt er im Eiskanal. Mutig zieht er sich immer wieder ganz oben am Startbügel ab. Dort wo auch Weltmeister Max Langenhan oder Olympiasieger Felix Loch starten. „Angst habe ich keine“, gesteht er. Allerdings fährt er nur auf seinen Trainingsbahnen in Winterberg und Oberhof. Und in St. Moritz. Den Natureiskanal beschreibt er als eine „sehr angenehme Bahn“.

An einen zweiten Rücktritt vom Rodeln verschwendet Stephan Doktor noch keinen Gedanken. „So lange mein Körper, mein Arbeitgeber und meine Familie mitmachen, fahre ich weiter“, verspricht er. So sehr Doktor fürs Rodeln im Eiskanal brennt, seine Kinder fanden keinen Gefallen am ausgefallenen Hobby ihres Vaters. „Ich habe alles versucht“, erklärt er, „aber es ihnen zu anstrengend.“ Oder was er auch vermutet: „Sie sind nicht so verrückt wie ihr Vater.“