Olympische Rodel Geschichte

Wie Alex Gough die Sochi-Enttäuschung überwand und in Pyeongchang Geschichte schrieb

alex Gough Olympia

Cortina (FIL/30.01.2026) Schon früh lasteten große Erwartungen auf Alex Gough, als sie den Sprung ins internationale Seniorenfeld schaffte. Innerhalb der kanadischen Rennrodel-Gemeinschaft galt sie nicht nur als Talent, sondern als Versprechen für die Zukunft. Ihre frühen Resultate bestätigten diese Einschätzung: Silber im Junioren-Weltcup, Platz vier bei den Junioren-Weltmeisterschaften 2005 und die Qualifikation für die Olympischen Winterspiele 2006 in Turin im Alter von nur 18 Jahren. Ein vierter Platz bei den Weltmeisterschaften 2009 in Lake Placid unterstrich endgültig, dass Gough zur Weltspitze gehörte.

Der Durchbruch, der ihren Namen international bekannt machte, folgte 2011 in Paramonovo. Mit ihrem Sieg im Damen-Einsitzer beendete Gough Deutschlands beeindruckende Serie von 105 Weltcup-Siegen in Folge. Ein Ergebnis, das in der Rodelwelt für Aufsehen sorgte. Doch wie sich später zeigen sollte, würde ihr Vermächtnis nicht durch einen einzelnen Triumph oder konstante Weltcup-Erfolge definiert werden. Wie bei so vielen großen Namen des Sports sollte ihre Geschichte vor allem bei den Olympischen Spielen geschrieben werden – über Enttäuschung, Widerstandskraft und schließlich Erlösung.

Die Last des vierten Platzes

Als die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi näher rückten, war Alex Gough längst eine feste Größe im internationalen Rodelsport. Sie hatte Weltcup-Podestplätze gesammelt, sich regelmäßig mit den deutschen Athletinnen an der Spitze gemessen und mit Silber in der Gesamtwertung 2014/15 ihr bestes Weltcup-Resultat erzielt. Doch Sotschi wurde zur bitteren Erfahrung.

Im Damen Einsitzer belegte Gough Rang vier – nur 0,433 Sekunden hinter der US-Amerikanerin Erin Hamlin, die Bronze gewann. Ein ähnliches Schicksal ereilte sie in der Team-Staffel. Zweimal knapp am Podium vorbei, zweimal ohne Medaille – ein Erlebnis, das Spuren hinterließ.

„Es war ein Schlag in die Magengrube“, blickte sie später zurück. „So nah dran zu sein … das ist schwer zu verarbeiten.“

Es lag nicht an fehlender Form oder mangelhafter Vorbereitung. Es waren Hundertstel, Timing und die gnadenlose Logik olympischer Wettkämpfe. Doch genau diese knappen Niederlagen sollten den Grundstein für alles legen, was folgte.

Ein anderer Weg nach Pyeongchang

Luge Canada, Gough and McRea

Der olympische Zyklus zwischen Sotschi 2014 und Pyeongchang 2018 war der letzte ihrer Karriere – und vielleicht der schwierigste. Nicht körperlich, sondern mental.

Anstatt sich sofort wieder vollständig dem Weltcup-Zirkus zu verschreiben, traf Gough eine ungewöhnliche Entscheidung. Mit Blick auf die Zeit nach dem Sport begann sie ein Studium im Bauingenieurwesen. Drei Jahre lang trainierte und startete sie nur in Teilzeit, nahm bewusst Abstand von der Monotonie und dem ständigen Druck des Spitzensports.

Ein Risiko. Rennrodeln lebt von Wiederholungen, Konstanz und Routine. Ein Schritt zurück kann schnell den Anschluss kosten. Für Gough jedoch wurde diese Reduktion zur Stärke.

„Ich wollte den Sport nicht verlassen und dann ganz von vorne anfangen müssen“, erklärte sie. „Und ich wollte nicht, dass der Sport alles ist, was mich ausmacht.“

Auch ihr Körper profitierte von der Pause. Jahre auf dem Schlitten hatten Spuren hinterlassen. Als sie in der Saison vor Pyeongchang wieder voll einstieg, tat sie das mit neuer Klarheit.

„Das Ziel waren nicht unbedingt Weltcup-Gesamtsiege“, sagte Gough. „Das waren Aufbau- und Vorbereitungsrennen. Die Olympischen Spiele waren immer das Ziel.“

Zweite Plätze in Calgary und Lake Placid zeigten, dass sie rechtzeitig wieder zur Form gefunden hatte. Platz vier im Gesamtweltcup bestätigte ihre Wettkampfstärke.

Die mentale Wende

Der entscheidende Unterschied zwischen Sotschi und Pyeongchang lag jedoch im mentalen Bereich. Gough investierte gezielt in sportpsychologische Arbeit und lernte, den inneren und äußeren Druck auszublenden.

„Ich habe viel daran gearbeitet, diesen ganzen Lärm loszulassen und mich nur auf den Lauf vor mir zu konzentrieren“, sagte sie. „Ein guter Start, locker fahren, saubere Linien – mehr kannst du nicht kontrollieren. Es geht gegen die Uhr.“

Im Alpensia Sliding Centre zahlte sich dieser Ansatz aus. Über vier Läufe zeigte Gough ruhige, kontrollierte Fahrten. An einen kleinen Fehler – ein leichtes Streifen der Bande nach Kurve neun – erinnert sie sich noch heute. Vielleicht war das der Unterschied zwischen Bronze und Silber. Doch sie erinnert sich auch an einen anderen Moment.

Nach ihrem vierten Lauf lag sie hinter der Deutschen Dajana Eitberger, zwei weitere deutsche Starterinnen waren noch oben.

„Oh, hier kommt wieder Platz vier“, dachte sie.

Dann änderten sich die Bedingungen. Die Temperaturen stiegen, die Zeiten wurden langsamer. Tatjana Hüfner verlor unerwartet Zeit. Am Ende stand fest: Alex Gough war Dritte.

Alex Gough, PyeongChang 2018, Eugen Esslage

Eine Medaille für die Geschichtsbücher

Die Bronzemedaille bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang war historisch – es war die erste olympische Rodel-Medaille für Kanada. Gleichzeitig war sie der perfekte Schlusspunkt einer langen olympischen Reise.

„Es fühlt sich nicht an, als wäre es so lange her“, sagt Gough heute. „Aber wenn man die Zahlen sieht, merkt man, wie viel Zeit vergangen ist.“

Diese Medaille war mehr als nur Edelmetall. Sie war die Antwort auf Sotschi, die Belohnung für jahrelange Geduld und der Beweis, dass der Schritt zurück – das Studium, die Vorbereitung auf das Leben nach dem Sport – ihren Fokus nicht geschwächt, sondern geschärft hatte.

Leben nach dem Schlitten

Heute lebt Alex Gough weiterhin in Calgary. Ihr Alltag sieht jedoch ganz anders aus. Statt Trainingsläufen im Canada Olympic Park arbeitet sie als Projektmanagerin für einen großen Generalunternehmer an umfangreichen Wasser-Infrastrukturprojekten. Pumpstationen, Kläranlagen, Baustellenkoordination und Finanzplanung bestimmen ihre Tage.

„Ich genieße die Arbeit insgesamt sehr, vor allem die Menschen, mit denen ich arbeite“, sagt sie. „Wenn man mit guten Leuten zusammenarbeitet, ist alles machbar.“

Den Schlitten vermisst sie. Die Atmosphäre bei Rennen und den Teamgeist ebenfalls. Was sie nicht vermisst, ist die körperliche Belastung des Vollzeit-Trainings.

„Ich hatte Glück“, sagt sie rückblickend. „Ich wurde nicht durch Verletzungen oder jüngere Athletinnen verdrängt. Ich konnte selbst entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt gekommen war.“

Ein Vermächtnis jenseits von Medaillen

Die olympische Geschichte erinnert sich oft nur an Medaillengewinnerinnen und -gewinner. Doch Alex Goughs Weg ist mehr als ein Podestplatz. Ihr vierter Rang in Sotschi machte Bronze in Pyeongchang erst möglich. Ihre bewusste Distanz zum Sport machte sie zu einer ausgeglicheneren Athletin – und Persönlichkeit.

Für das kanadische Rennrodeln ist ihr Einfluss nachhaltig. Sie durchbrach Serien, verschob Grenzen und zeigte, dass Geduld und Perspektive ebenso wichtig sein können wie pure Geschwindigkeit. Und für die nächste Generation am Startbock ist ihre Geschichte eine Erinnerung daran, dass der längste Weg oft zu den bedeutendsten Zielen führt.